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Wenn der Hausberg ruft
An der Hand meines Vaters ging ich einst diesen Weg hinauf. Heute führe ich selbst ein Kind, es ist mein Sohn. Auf dem steilen Pfad tut er sich etwas schwer mit seinen kurzen Beinen und alle fünf Minuten fragt er, wie lange es noch sei bis zum Spielplatz und zur Limo, die ich ihm versprochen habe. „Nicht mehr lange“, sage ich. Die Antwort befriedigt ihn nicht, wie sollte sie auch, wenn Zeit etwas Abstraktes ist und sein Leben sich im Hier und Jetzt abspielt, nicht in der Zukunft und nicht in der Erinnerung. „Gleich sind wir am Blomberghaus.“Etwas wehmütig denke ich daran, dass zwischen den Sommertagen von damals und heute 30 Jahre liegen. Ein halbes Leben fast, in denen so viele Orte, Ereignisse und Geschichten ihren Platz haben, ebenso wie all die verpassten Möglichkeiten und die vielen Glücksfälle. Dieser hier zum Beispiel: Dieser unbedeutende, 1248 Meter hohe Berg südwestlich von Bad Tölz, den der Isartalgletscher der Würmeiszeit vor gut zehntausend Jahren zu einem runden Buckel plättete, der sich zufällig vor meiner Haustür erhebt und der mir zur Heimat geworden ist, weil sich mit jedem Tag an seinen Flanken ein Abschnitt meines Lebens verknüpft. „Papa, ich mag nicht mehr, du musst mich tragen.“ Eine nörgelnde Stimme reißt mich aus sentimentalen Gedanken. Wenn das so einfach wäre. Der Kleine wiegt nun auch schon 20 Kilo. Und ich trage das ein oder andere Gramm zu viel mit mir herum. Anders als in meinen bergsteigerischen Sturm- und Drangjahren. Damals schrumpfte der Blomberg zum Trainingsgelände, gerade noch gut genug für einen abendlichen Berglauf, weil die wahren Ziele in Chamonix, in den Anden oder im Himalaja lagen. Welch Arroganz. Den Forstweg hinaufhechelnd, rennend oder auf dem Mountainbike, verkehrte sich der Blick ins Innere. Ausgeblendet alles, was die Bayerischen Alpen so besonders macht. Der frühlingshafte Geruch nach Bärlauch, die herbstliche Färbung des Laubes, die blauen Berge im Süden, der Dunst der großen Stadt im Norden. „Papa, trag mich!“Wir treten aus dem Wald. Gerade noch rechtzeitig, dort vorne steht das Blomberghaus. Jetzt kann er wieder laufen, der Kleine. Die Treppen zum Biergarten hinauf, unter den geranienschweren Balkonen und den blauen Sonnenschirmen hindurch, rüber zu Schaukel und Rutsche. Ich bestelle mir eine Radlerhalbe und eine Brotzeit. Mit Brezn, weil die zu meiner Heimat gehören wie Auszogne, Griebenschmalz, Hollerkiachl, Pressack und ein Saures Lüngerl. Der Bayer an sich, schrieb der herzogliche Geschichtsschreiber Johann Georg Turmair, genannt Johannes Aventinus, in seiner 1556 erschienenen „Baierischen Chronik“, „pleibt gern daheim, raist nit vast auß in frembde lan“. Ich glaube, das liegt daran, dass es in fremden Ländern keine Brezn gibt. Meinen Buben kann ich heute aber nicht mal mit Laugengebäck ködern. Keine Zeit zum Essen. Er hat andere kleine Krieger gefunden, mit denen er auf den Almwiesen Räuber und Gendarm spielt. „Wir gehen jetzt weiter“, rufe ich. Keine Antwort. „Ich gehe jetzt weiter“, warne ich. Immer noch keine Antwort. Die Jungs haben den Kletterwald entdeckt, einen Seilgarten gleich hinter dem Gasthof, in dem man sich balancierend, hangelnd, rutschend, gleitend, rückwärts und kopfüber fortbewegen kann. „Papa, da will ich auch rauf“, sagt mein Sohn. Ich schäme mich etwas über meinen unterschwelligen Vaterstolz: Er wird also doch ein Kletterer werden. Leider ist der Seilgarten erst für Kinder ab sechs Jahren freigegeben. „Komm, wir gehen halt noch ein bisschen weiter.“ Auf den Zwiesel (1348 m) oder auf den Heiglkopf (1205 m), die beiden Nachbarn des Blombergs. Doch mit diesem Ansinnen stoße ich auf taube Ohren. „Du hast gesagt, wir fahren heute noch mit der Rodelbahn, Papa, und was man sagt, dass muss man auch halten.“ Ich fühle mich ertappt. Aber dann erinnere ich mich daran, wie wunderbar es damals gewesen war: auf einem der flachen Schlitten sitzend, im Rücken der Vater, seine Arme schützend um mich geschlungen, den Fahrtwind im Haar, 1300 Meter auf der längsten Sommerrodelbahn Deutschlands – wer bremst, verliert! Natürlich waren wir schneller als die Mutter und der Bruder gewesen. „Ok, gehen wir zur Rodelbahn.“ Beim Abstieg zur Mittelstation muss ich meinen Kleinen bremsen, so schnell und behände springt er über Stock und Stein. Gut so, dann wird ihm die Zeit nicht lang.„Zeitlang“ – das kann im Baierischen „Langeweile“ ebenso bedeuten wie „Sehnsucht“ und „Heimweh“. In diesem Moment wird mir klar, dass mein Zeitlang nach dem Blomberg, diesem nur scheinbar unscheinbaren Multifunktionshügel, auch ganz viel damit zu tun hat, dass ich dort nie Zeitlang hatte. Ich wünsche mir, dass mein Sohn irgendwann einmal dasselbe denken wird. Wenn er mit seinem Kind am Blomberg unterwegs ist.
Ein dickes Dankeschön an den Verfasser dieser treffenden Geschichte, Herrn Tom Dauer, Alpinist und Journalist
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